Setsuko Fukushima

Setsuko Fukushima:
“Verborgene Ge-Schichten”
Der Titel “Verborgene Ge-Schichten” weist Setsuko Fukushimas Arbeiten als Präparate aus, mit
denen die Künstlerin bewahrt, was ihr begegnet. Der Ausgangspunkt ist ihr ganz persönliches
Erleben, keine spektakulären Ereignisse, die aus dem langsamen Fluss der Ereignisse herausragen,
sondern Alltäglichkeiten wie ein Spaziergang oder auch die tägliche Routine sind es, die in ihre
Arbeiten einfließen und deren Flüchtigkeit sie durch die Materialität ihrer Bilder und Objekte
konserviert und bewahrt.
Sich darüber bewusst, Erlebtes nicht in seiner ganzen Totalität festhalten zu können, geht
Setsuko Fukushima daran, mit ihre Arbeiten den Prozess des Erlebens als stetes Verlieren und
Selektionieren von Erinnerung zu thematisieren. Ihre Arbeiten sind eine Art Laborversuch, bei dem
sich die Künstlerin selbst auf die Spur kommt. Durch die künstlerische Arbeit werden eigene Systeme
sichtbar, die einen Blick auf die individuellen Filter und Ordnungskriterien erlauben nach denen
sich ihre Erinnerungen sedimentartig ablagern. Erinnerungsfragmente werden aber von Setsuko
Fukushima nicht nur im eigenen Ordnungssystem konserviert, sondern es ergeben sich zusätzlich
ungewohnte Zusammenhänge aus denen Neues entstehen kann.
“Tägliche Schichtungen” ist der Titel einer Reihe von Zeichnungen von Setsuko Fukushima. Tagebuchartig hat sie meist über einen längeren Zeitraum gezeichnet, geschrieben und die entstandenen Einträge immer wieder mit weißer Farbe übermalt. Manchmal bleibt sie transparent und schwach schimmert an einigen Stellen die alte Notiz durch, an anderem Ort ist das
Vorhergehende gänzlich getilgt. Als Ablagerungen eines Tages, einer Woche oder eines Monats bauen sich die Zeichnungen schichtartig auf. Die Fülle ihrer verzeichneten Eindrücke fasst Setsuko Fukushima in einer eigenen Maßeinheit, bei der sie sich an einer früheren Arbeit dem “Code-Book” orientiert und die sie als kleine länglichen Rechtecke notiert. Rechtecke in Form von Kästchen, Schachteln und Büchern sind auch bei anderen Arbeiten von Setsuko Fukushima die Ordnungskriterien, in denen sie ihre Eindrücke sammelt und archiviert.
Aus übereinander gelegten leeren, bezeichneten oder beschrifteten Blätter erwächst bei ihren “
Grauen Tafeln” eine Struktur, die sich in die dritte Dimension auszudehnen beginnt. Jede neue
Schicht lässt das darunter befindliche ins Vergessen geraten, aber dennoch bleibt es Teil des
gesamten Gebildes. Manchmal kratzt und schabt Setsuko Fukushima das Material
partiell wieder ab, legt untere Schichten frei, die aber, weil sie im Ausschnitt erscheinen,
unentzifferbar bleiben, dafür aber die formale Struktur mitbestimmen. Das Schattenspiel der
plastischen Verwerfungen auf der grauen Fläche erinnert an nachlässig gewischte Schultafeln.
Durchblicke tun sich auf und Räume entstehen wie zufällig, in die hinein Setsuko Fukushima ihre
stark abstrahierten Zeichnungen stellt, die fast den Charakter von Zeichen oder Schemata besitzen.
Es sind immer wiederkehrende individuelle Ikons, die die Künstlerin nach und nach in schrittweiser
Reduzierung des naturalistischen Vorbildes entwickelt hat.
Die formale Reduzierung entspricht dabei dem Reduzieren der Erinnerung auf das, was vom
realen Erlebnis behalten werden kann.
Was da auf der Bildfläche auftaucht, sind Schatten der von Setsuko Fukushima erlebten Tage.
Da mutet etwas wie eine Computerplatinen an, das in der vernetzten Struktur verwandt ist mit dem
Häkelmuster nebenan. Aus eine einzelnen geschickt geschlungenen Faden entsteht eine Form, die
Volumen beschreibt. Der Schritt zur häufig sichtbaren Kokonform ist nicht weit. Viele der von
Setsuko Fukushima verwendeten Zeichen sind thematisch miteinander verwandt, haben aber alle keine
letztendlich festgelegte Bedeutung, sondern bleiben variabel und verwandlungsfähig. Es ist keine
genau umrissene Sprache, sondern die Zeichen folgen dem Spiel der freien Assoziation der
Künstlerin, darin allerdings sind sie alles andere als beliebig.
Die Zeichnungen werden begleitet von Schrift. Nicht immer ist sie lesbar, sondern wie die
Titel der “Grauen Tafeln” durch ein Verschlüsselungssystem codiert, bei dem das langsame Verblassen
der Bedeutung eingeschrieben ist. Manchmal sind noch einzelne Worte, ein Satz oder wenigstens
Bruchstücke erkennbar, dann wieder nur eine beliebige Buchstabenkombination oder eine von der
kryptischen Art, die die Künstlerin selbst nur mühsam entschlüsselt. Sind die Schriftzeichen und
Zahlen auf den Zeichnungen und Tafeln noch in ein bildnerisches Ganzes eingewoben, so werden bei
einigen anderen Arbeiten die Träger der Schriftfragmente selbst zu Fragmenten. Kleine Zettel mit
winzigen Notizen sind wie geheime Botschaften eingerollt oder so zerstückelt, dass jeder Buchstabe
alleine reist. Beschriftete Holzspäne kringeln sich durch die dem Material innewohnende Dynamik als
Reste eines Tages. Schrift bekommt ein wesenhaftes Eigenleben, das die Lesbarkeit erschwert und in
der lückenhaften Entzifferung Parallelen zum Vergessen aufzeigt.
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Portionsweise in transparente Behälter, Tütchen oder Kästen verpackt sind aus den
einstmaligen Geschichten lauter kleine Zeichen ohne Sinn geworden, in denen aber das Potential
steckt, in neuen Kombinationen wieder aufzublühen. “Seeds” - Samen - heißen dann auch eine Serie
von Setsuko Fukushima, bei der sie transparente Hüllen, die Naturformen wie Flugsamen oder die
Propellorsamen des Ahorn nachahmen, und die mit einzelnen Buchstaben, japanischen Schriftzeichen,
kurzen Phrasen oder Zahlen gefüllt sind, wie botanische Präparate in durchsichtige Rahmen spannt.
Bei “Seeds of book” sind es kleine, transparente rechteckige Schachteln, die Setsuko Fukushima in
der Mitte von vier Bildern wiederum zu einem Rechteck komponiert. Noch ruhen die Samen sorgsam
verpackt und warten erwartungsvoll auf eine Möglichkeit zu keimen.
Ein weiteres Stadiums des keimenden Wachstums hat Setsuko Fukushima mit ihrer mehrteilige
Arbeit “Kokon” thematisiert. Überdimensionale Kokons lagern genüsslich einträchtig nebeneinander in
Hängematten. Sie scheinen zu reifen. Die Verwandlung in ihrem Inneren vollzieht sich nicht im
Verborgenen, denn auch hier gewähren kleine Sichtfenster Einblicke. Was sich entfaltet ist nicht
mehr Fläche, nicht mehr Text, sondern der Panoramaraum innen scheint weit größer als es die
begrenzende Außenwand ahnen lässt. Eine ganze Welt mit Ausblick und Horizont, gebaut aus Fotos und
Texten auf kulissenartig hintereinander geschachtelten Folien, passt paradoxerweise hinein und
lässt ahnen, was Ergebnis der Metamorphose sein könnte. Aber auch hier gilt das Gesetzt der
Irritation und Unvereinbarkeit, immer fehlt ein Teil oder befindet sich an scheinbar falschem Ort,
um das Ganze widerspruchslos zu einem einzigen Blick zu verschmelzen. Aus dem Fragmentarischen
gelingt nur durch die aktuelle Betrachtung das Eigene, niemals aber das Vergangene.
Mit der Arbeit “Keimzellen” scheint Setsuko Fukushima ihren Wunsch in Erfüllung gehen zu
lassen. In kleine Halbkugeln aus Kunstoff hat sie in Form von beschrifteten Papierschleifen und
-spiralen die Textsamen eingepflanzt. Durch ein kleines Guckloch kann man hineinsehen, wenn man
allerdings zu nah heran geht, verdunkelt sich der Einblick bis zum Entschwinden des Bildes. Damit
aber nicht genug: das sich kringelnde Textband überkreuzt sich ständig selbst und verdeckt partiell
die ebenfalls lückenhafte Botschaft. Entzifferung gelingt daher trotz Drehen und Wenden des
Objektes nie, aber bei der spielerischen Betrachtung lagern sich eigene Gedanken an die vorgegebene
Form an und schaffen imaginäre Räume wie die mäandernden Textschlangen realen Raum.
Metaphern wie “Seeds” und “Kokon” aus der Botanik, die gelegentliche Verwendung von
Petrischalen und Reagenzgläsern oder transparenten Samentütchen zur Aufbewahrung und die Arbeit im
Mikrobereich verraten nicht nur Setsuko Fukushimas Interesse an der Biologie, sondern geben auch
einen Bedeutungsrahmen vor, bei dem Entwicklung analog zu organischen Wachstums auf immer neuer
Kombinationen beruht. Die Betrachtung der eigenen oder der fremden Erinnerungsstücke gelingt eine
Art Befruchtung, durch die sich Wirklichkeit als aktuelle Rekonstruktion zu erkennen gibt. Die
Dokumentation dessen, was erinnert wird, verrät etwas über die Art und Weise wie dies geschieht -
wie die Aufbereitung des Erlebten verinnerlicht und vielleicht auch kommuniziert werden kann.©jutta
saum m.a., 2004
Vortrag zur Eröffnung
der Ausstellung des Kunstvereins Buxtehude e. V. von Setsuko Fukushima mit dem Titel „So keimt
eine neue Geschichte“ im Buxtehude·Museum am 26. August 2004, um 19.00 Uhr
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susanne mayerhofer
Liebe Setsuko, sehr geehrte Damen und Herren,
unter dem Titel „So keimt eine neue Geschichte“ wird die zweite Ausstellung des Kunstvereins
Buxtehude in diesem Sommer eröffnet. Die zarten und fragilen Arbeiten von Setsuko Fukushima bilden
einen erheblichen Kontrast zu den vorher gezeigten grob behauenen und massiven Holzobjekten des
Bildhauers Werner Schlegel. So unterschiedlich die beiden künstlerischen Positionen auch sind, die
der Kunstverein Buxtehude für die diesjährige Präsentation ausgewählt hat, es lassen sich auch
Berührungspunkte finden: In den Werken beider Künstler wird ein wechselvolles Zusammenspiel von
Naturformen und Ausdrucksformen kulturellen Lebens inszeniert.
Doch anders als Werner Schlegel geht Setsuko Fukushima nicht von der Überformung des
Naturprodukts aus. Sie nimmt sozusagen den umgekehrten Weg. Ihr Ausgangsmaterial sind Zeugnisse
kulturellen Lebens, meist geschriebene Texte, die aufgrund des Schriftgebrauchs explizit
Zivilisation und Kultur aufzeigen. Sie verwendet verschiedene Geschichten, private Aufzeichnungen,
besonders gerne naturwissenschaftliche Forschungsliteratur. Für den Betrachter wird dieses Fakt,
das mir Frau Fukushima im Gespräch mitteilte, nur an wenigen Punkten sichtbar. Denn durch den
Eingriff der Künstlerin erhalten die Schriftstücke im Wortsinn eine neue äußere Gestalt. Für manche
Werkgruppen werden sie vorab als künstlerisches Material aufbereitet, dazu zerstückelt und
zerschnitten, manchmal gestanzt, gefaltet oder gerollt. In anderen Arbeiten werden Aufzeichnungen
ganz oder partiell von Schichten aus Papier oder Farbe überdeckt. Die solcherart fragmentierten
bzw. nicht mehr kontinuierlich lesbaren Texte werden als Elemente von Kunstwerken in neue
Zusammenhänge überführt. Titel der Arbeiten wie z. B. „Seeds“ (Samen) verweisen nun auf
Naturformen, denen das Potential zur Entwicklung von Neuem aus einem Ruhezustand heraus
innewohnt.
Tatsächlich vollzieht die Künstlerin den Bezug zur Naturform buchstäblich bzw. abbildhaft in
einigen ihrer Bildobjekte nach. Für die genannte Werkgruppe „Seeds“ zum Beispiel fertigt sie aus
Transparentpapier fragile Gebilde, die in vergrößertem Maßstab Samenhülsen nachahmen. Diese werden
in schlichten Holzrähmchen zwischen klarsichtigem Kunststoff eingespannt und so präsentiert, daß
man sie von beiden Seiten betrachten kann. Die zarten Bildobjekte wirken wie „botanische Präparate“
(Jutta Saum)1, die Lehr- und Forschungszwecken dienen. Eine ähnliche Anmutung vermittelt die
Werkgruppe „Seeds of Book“. Ihre transparenten Kästchen lassen an eine Laborsituation, an das
Ordnungssystem für mikroskopische Proben denken. Verführerisch lockt der durchscheinende Inhalt den
Blick zur genaueren Untersuchung an.
Füllstoff der Kästchen sowie der Samenkapseln sind die vorab nach unterschiedlichen formalen
Kriterien sortierten Papierschnipsel, auf denen Buchstaben, Wörter, mitunter (von der Künstlerin
ausgewählte) Wortfolgen zu entziffern sind. Sie stellen die Samen der Kunstgebilde dar. Im Sinne
der Natur-Metapher kann man in den aus ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang herausgelösten
Satzfetzen Keimlinge für neues Wachstum sehen. Auch materiell steckt in ihnen ? dem bildhaften
Vergleich der Kunsthistorikerin Jutta Saum entsprechend ? das Potential „in neuen Kombinationen
aufzublühen“. Als anmutige und gleichzeitig geheimnisvolle Bilder von der Natur werden die „Samen“,
die als Schriftstücke zuvor selbst Erkenntnisse über die Natur vermittelten, zum Gegenstand der
Forschung. Es wäre im Sinne der Künstlerin, verehrte Damen und Herren, wenn sich in Ihrem Blick,
der die ästhetische Versuchsanordnung mit Offenheit gegenüber verschiedenen Botschaften prüft, ein
Freiraum für Ihre eigene Fiktion entfaltet, in dem neue Geschichten entstehen.
Der anschaulich gemachte Gedankengang, daß Neues aus alten Relikten erwachsen kann, mag in
der japanischen Kultur wurzeln, kann aber ebenso gut auf der Basis von europäischem Gedankengut
entstanden sein.
Setsuko Fukushima ist in Tokyo geboren und hat dort auch das Studium an der
Musashino-Kunstakademie absolviert. Seit 1983 lebt und arbeitet die Künstlerin jedoch in
Deutschland in der Nähe von Düsseldorf und präsentiert ihre Arbeiten international:
deutschlandweit2 sowie in den Niederlanden, in St. Petersburg, in Moskau und auch in Tokyo. Eine
Synthese zwischen den Kulturen entsteht in ihrer Arbeit auf ganz natürlichem Weg. Sie ist Ergebnis
der Gegebenheiten, nicht bewußte Darstellung oder geplanter Brückenschlag. Abgesehen von wenigen
Details ? einem japanischen Schriftzeichen oder Titel ? lassen sich die Werke Setsuko Fukushimas
nicht auf einen bestimmten Kulturkreis festlegen. Nur wenn man um die Herkunft der Künstlerin weiß,
wird man da und dort ? in einer kleinen Zeichnung am Rande, im Materialgebrauch, in der
ästhetischen Bearbeitung oder auch in der vermittelten Haltung … ? Elemente finden, die keinen
eindeutigen Anknüpfungspunkt, aber eine vage Vorstellung von der Komponente der fernen Kultur
vermitteln (sofern man dies als Europäer überhaupt einschätzen kann ohne eingehendes Studium, aber
auch ohne Anwendung vordergründiger Klischees).
Nach dem ersten Augenschein wirken die Arbeiten von Setsuko Fukushima klar, präzise und
überschaubar. Bei näherer Betrachtung erweisen sie sich als vielschichtig, erscheinen unergründlich
und bleiben mitunter ? auch nach intensivem Studium ? rätselhaft. Sie locken den Blick an durch
ihre Transparenz und Zartheit und „verbergen doch etwas“ (galerie kreativ2 media).
Den Ausgangspunkt einiger Werkgruppen bilden persönliche Erlebnisse ? nichts Spektakuläres,
sondern das ganz normale Alltagsleben. In der Werkserie der „Täglichen Schichtungen“ verarbeitet
Fukushima tagebuchartige Einträge und Zeichnungen, indem sie die beschriebenen Blätter wie eine
sedimentartige Ablagerung Tag für Tag übereinanderschichtet und immer wieder mit weißer Farbe
überdeckt. Manchmal schimmert das unterhalb Liegende schwach durch, manchmal verschwindet es ganz,
so wie ein Ereignis im Gedächtnis verschüttet werden kann und dennoch in einer tieferen Schicht des
Bewußtseins vorhanden bleibt. Manchmal werden Überlagerungen von der Künstlerin weggeschabt und
unterhalb liegende Schichten freigelegt. Eine sehr persönliche Archäologie tritt dabei zutage. Sie
ist vergleichbar mit der Art und Weise wie sich Erinnerung durch „stetes Verlieren und …
[Selektieren]“ (Jutta Saum) konstituiert, wie dadurch neuartige Kombinationen entstehen, wie die
Aktualisierung und damit Neuformulierung von Geschichte und Geschichten vor sich geht.
Setsuko Fukushima bezeichnet sich selbst als Sammlerin von Träumen und von Geschichten. Schon
als Kind schrieb sie regelmäßig Tagebuch und versuchte damit, die Flüchtigkeit der Erinnerung zu
bannen. Bereits damals hat sie die Möglichkeit begeistert, ihre Niederschriften zu kodieren. Auch
in ihren heutigen Aufzeichnungen benutzt sie gerne ein Verschlüsselungssystem. Zudem verknüpft sie
tradierte, erlernte Zeichen mit individuellen Bildern, die stark abstrahiert nicht mehr eindeutig
auf einen Bezug verweisen und dennoch keinesfalls beliebig sind. Sie folgen dem freien Spiel ihrer
ganz persönlichen Assoziationen. Einerseits erinnern die Bilder aufgrund eingefügter Zahlenreihen
und geometrischer Skizzen an mathematische Aufzeichnungen, vermitteln Genauigkeit und lassen
Ordnungsschemata, rechteckige Einteilungssysteme erkennen. Andererseits verweigern sie sich dem
Prinzip einer lösbaren Gleichung, verfolgen keine eindeutig und klar übersetzbare Sprache. Selbst
wenn man den gerne von Setsuko Fukushima angewandten Zahlencode knackt und einzelne Sätze
entziffert, wird man erkennen müssen, nur ein Detail, vielleicht nur das Entstehungsdatum gewonnen
zu haben. Aufgrund des assoziativen Aufbaus der Bilder können diese nie vollständig ergründet
werden. Durch diese Bildgestaltung animiert die Künstlerin jedoch dazu, die Mittel der Logik mit
stärker vom Gefühl bestimmten Annäherungsformen zu kombinieren, damit Sie, meine Damen und Herren,
das begonnene Forschungsunternehmen zu einer sinnlichen Entdeckungsreise werden lassen.
Ein weiteres Bespiel für die Verarbeitung persönlicher Eindrücke sind die sogenannten „Code
Books“. Der Titel verdeutlicht sie als Inventar von Zeichen und ihren Zuordnungen. Ein von der
Künstlerin selbst zusammengestellter Katalog weist sie als Tagebücher aus. Die tableauartigen
Arrangements werden aus einzelnen rechteckigen Papierstücken gebildet, die sich wie unterschiedlich
getönte kleine Farbfelder aneinanderreihen. Die Gesamtkomposition wird somit durch ein regelmäßiges
Raster bestimmt, wirkt aber durch die nuancenreichen Farbtöne und durch die reiche
Oberflächengestaltung mit vielen eingearbeiteten Details abwechslungsvoll und lebendig.
Und wieder kann man hinter den aufwendig bearbeiteten farbigen Deckpapieren verborgene
weitere Papierschichten entdecken, die sich mit ihren Deckeln zu einzelnen langrechteckigen
Buchblöcken gruppieren. An dem teilweise sichtbaren Schnitt der Seiten lassen sich unterschiedliche
Inhalte erahnen, z. B. scheint im Randbereich eine Landkarte vorzublitzen; ein anderes Mal sieht
man einen kleinen Ausschnitt einer handschriftlichen Notiz.
Mit ihren sichtbaren und beinahe unsichtbaren Reizen provozieren auch die „Code Books“ die
Neugierde ihrer Betrachter. Doch im Gegensatz zum konventionellen Buch wird der Wunsch nicht
eingelöst, durch Lesen Aufschluß über die Inhalte zu gewinnen. Die Bücher können nicht aufgeklappt
werden. Sorgsam hat die Autorin die Seiten zusammen geheftet und ihre Aufzeichnungen vor dem
direkten Zugriff geschützt.
Trotzdem erhält die geweckte Entdeckerlust Nahrung. Es ist naheliegend, die in den
Buchdeckel-Bildern eingearbeiteten Schriftfragmente, die kleinen Fundstücke, die kryptischen
Zeichen und auch die verschiedenen Farben als Hinweise auf das in den Büchern Verborgene zu
verstehen.
Anders betrachtet kann man die Bilder ? wie andere Kunstwerke auch ? nicht bloß als Zeichen,
die auf anderes verweisen, sondern als Endergebnisse eines größeren Zusammenhangs sehen. Auf ihn
spielen die Buchseiten an, indem sie sogar materiell Grundlage der Bilder sind. Als
selbstreferenzielle Kunstwerke erweisen sich die „Code Books“ als jeweils mehrdimensionales,
vielschichtiges System. In ihrem kalenderartig anmutenden Ordnungsraster bieten sie zwar keinen
Einblick auf versteckte Schriftzeugnisse aber eine Fülle an visuellen Anhaltspunkten für eine
ästhetische Auseinandersetzung an.
Vor allem Neugierde, aber auch die gebührende Aufmerksamkeit rufen die eiförmigen Kokons
hervor, die auf etwas, das nur im Verborgenen geschieht, auf ein Wunder der Natur anspielen: den
Verwandlungsprozeß einer Larve zu einem Schmetterling. Behutsam sind die weißen Ummantelungen aus
dünnen Papieren in feinen hängemattenartigen Netzen gelagert. Beinahe scheinen sie vor den Wänden
des Ausstellungsraums nebeneinander zu schweben. Geheimnisvoll bewahren die großen und doch zart
erscheinenden Gebilde ihr „Innenleben“ (Setsuko Fukoshima) und schirmen es nach außen hin ab. Nur
ein kleines Sichtfenster an der Front gewährt Einblick. Eine eingebaute optische Linse läßt den
Innenraum wesentlich größer erscheinen, doch muß man nahe herantreten, um etwas sehen, etwas
beobachten zu können.
Kulissenartig sind in den Kokons verschiedene Elemente hintereinander und auch auf
unterschiedlichen inhaltlichen ‚Ebenen’ eingebaut. Fotos auf transparenten Folien erzeugen die
Illusion von Räumlichkeit. Man kann den Blick in Landschaften schweifen lassen und plötzlich
erblickt man am Himmel einen kodierten Schriftzug. Surreal und irritierend wirken manche
Zusammenstellungen. Öffentliches wird mit Privatem, Natur mit Künstlichem, Geordnetes mit
Zufälligem, Naturwissenschaftliches mit Kunst konfrontiert.
Die fremde Innenwelt erschließt sich nicht auf einen Blick. Nach und nach muß man mit den
Augen abtasten, was sich ruhig und statisch präsentiert, obgleich die Bilder oftmals einen
Entwicklungsablauf, ein zeitgebundenes Geschehen suggerieren. Die durch die Metapher des Kokons
erwartete Umwandlung vollzieht sich nicht wie in der Natur durch die Schöpfungskraft im Kokon ? sie
kann nur im Blick und im Gefühl des Betrachters vor sich gehen.
Es ist eine Möglichkeit, sehr geehrte Damen und Herren, bei der Betrachtung der Kokons
ähnlich wie Setsuko Fukushima vorzugehen, wenn sie auf ihren Spaziergängen durch Orte und Städte
ein offenes Auge für die kleinen Besonderheiten entwickelt. Das Ergebnis ihres ersten kurzen
Aufenthalts in Buxtehude können Sie in einem Leporello mit einer Serie von „Spazierbildern“ sehen.
Oft kann man staunen, was es alles nebeneinander an Eigenartigem in unserer ganz normalen Umwelt zu
entdecken gibt. Entscheidend ist nur, daß der Blick auf das allzu Vertraute neu fokussiert wird,
damit es uns plötzlich als etwas Besonderes erscheint.
In den Arbeiten von Setsuko Fukushima werden Bilder und Begriffe in ungewohnten
Zusammenstellungen vor Augen geführt. Die Anordnung der Elemente3 weicht immer wieder von
vorgefertigten Seh-Mustern, vom aus Erfahrung Erwarteten ab. Stets wird ein lückenloses Kontinuum
vermieden. Die Brüche zwischen den Botschaften irritieren, doch gerade sie generieren Freiraum. Um
sich bewußt zu machen, was man wahrnimmt, ist es manchmal hilfreich, das Gesehene zu benennen. Wir
sind darauf trainiert, oftmals zwischen den Wörtern zu hören, zwischen den Zeilen zu lesen. Auch
zwischen den Bildern in den Kokons werden die erwarteten Geschichten nicht erzählt: aber es
entfaltet sich die Stimmung, es verdichtet sich die Atmosphäre, in der Geschichten neu geboren
werden. Der Weg des Betrachters und seine Entdeckungen sind das wahre Ziel dieses Spaziergangs
durch die Kunst.
Falls Sie, verehrte Damen und Herren, beim Blick in einen Kokon gefragt werden sollten: „Was
hast Du auf Deinem Spaziergang gesehen?“ Antworten Sie einfach:
„die rote parkbank
am teich ? aber am himmel
verschlüsselt zahlen.“








